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Herr Orff gibt sich die Ehre

Die Waterfront, Immobilienpreise und Carmina Burana

 

Ja, die Ten Tenors waren etwas Außergewöhnliches und wir haben den Abend sehr genossen. Jetzt ist Samstag und die Eindrücke klingen noch nach. Nach einem ausgiebigen Frühstück fahre ich mit Brian zur Waterfront. Ich fahre gerne mit Brian spazieren und es zieht mich auch noch nicht, das Auto selber zu fahren. Es besteht ja noch keine Notwendigkeit. Auch an der Waterfront wird an allen Ecken gebaut. Alles für die Fußballweltmeisterschaft 2010. Nur kurz war das bisher ein Thema, denn zum Unverständnis von Hajo und Brian wird am schönsten Platz in Kapstadt das größte Stadion gebaut. Viele Millionen Rand werden ausgegeben, um ein Halbfinalspiel der WM auszutragen. Noch sind die Farbigen und Schwarzen der Meinung, sie könnten eine Eintrittskarte bekommen. Was, wenn sie feststellen müssen, dass die FIFA den gleichen Handel betreibt wie bei der Fußball-WM in Deutschland? Da hoffen beide, es gibt kein böses Blut. Und ich kann nur hoffen, dass die Verantwortlichen sensibel mit diesem Thema umgehen. Ich meine, es wäre schon sehr übel, wenn die Abschaffung der Apartheid in einem Freudenfest verläuft und eine Fußball-WM von Auseinandersetzungen überschattet würde. Ich denke, ich werde die Baustelle noch zu sehen bekommen.

 

An der Waterfront werden Luxusappartements gebaut und ein sehr großes und teures Hotel soll dort auch noch entstehen. Die Fertigstellung ist für 2008 geplant. In der Zeitung habe ich Annoncen für den Verkauf gelesen. So ein Appartement mit 146 Quadratmetern Wohnfläche kostet „nur“ 3,5 Millionen Rand; und das war eines der günstigsten Angebote, die in der mittleren Preiskategorie bis zu 30 Millionen Rand reichten, für 438 Quadratmeter. Bei einem derzeitigen Wechselkurs von 1:9,25 sind das etwa 378.000 bis 3.250.000 Euro. Im Grunde braucht das kein Mensch und das Geld wäre sicher für andere Dinge besser angelegt. Doch auch die Regierung sorgt nun dafür, dass alles ein bisschen teurer wird. So werden die Grundsteuern ab dem 1. Juli auf 12,5 Prozent angehoben. Bei Häusern und Wohnungen von solchem Wert ist das eine teure Angelegenheit. Deshalb stehen hier im Moment ziemlich viele Häuser zum Verkauf und das in der, gerade für den Immobilienmarkt in Südafrika, schlechtesten Zeit des Jahres.

 

Das aber nur am Rande. Die Waterfront, als sicherstes Gebiet in Kapstadt erlebt durch die Erweiterung langfristig gesehen einen weiteren Aufschwung. Heute müssen wir nur ein paar Kleinigkeiten erledigen. Bei Compu-Ticket noch eine Eintrittskarte abholen und ich will mir Postkarten und Briefmarken besorgen. Bei der Gelegenheit kaufe ich mir noch eine SIM-Karte für mein Handy: für 1,99 Rand, sage und schreibe 0,21 Euro. Warum gibt es so etwas nicht in Deutschland? Für 29 Rand (3,13 Euro) kaufe ich mir dann ein Guthaben. Jetzt kann ich in Südafrika telefonieren und kann noch zehn kostenlose SMS schreiben. Das nenne ich wirklich praktisch. Erst später sehe ich ein Angebot für 0,95 Rand, da lohnt sich das Umrechnen schon nicht mehr. Wir besorgen noch ein paar Stifte und besuchen Joseph bei @home, der sich freut, mich wiederzusehen. Schnell tauschen wir Neuigkeiten aus und als er mich fragt, wann ich gekommen bin, muss ich überlegen. War das wirklich erst am Donnerstag? Wir haben nicht viel Zeit und so verabschieden wir uns, da wir uns bereits in der nächsten Woche wieder treffen. Ich bin schon froh, dass ich Joseph nun auch schon seit zwei Jahren kenne. Sicher verbindet uns nicht die gleiche Freundschaft wie zu Hajo und Brian, aber, für mich ist es wichtig, dass ich noch jemanden als Ansprechpartner habe, wenn Hajo und Brian nach Deutschland fliegen. Wie im Flug vergeht die Zeit und plötzlich ruft Brian zum Essen und es bleibt keine Zeit, mich noch zur Carmina Burana umzuziehen. Na, ist wohl nicht so schlimm. Nur zwanzig Minuten braucht Hajo, um aus dem Vorort Milnerton zur alten City Hall in Kapstadt zu fahren. Vor dem aus riesigen Sandsteinquadern gebauten Gebäude warten wir auf Brians Deutschlehrerin, ihren Mann und eine Freundin.

 

Hajo machte mich auf eine Gedenktafel aufmerksam, die unterhalb eines großen Balkons angebracht ist. Hier trat Nelson Mandela vor über 120 000 Menschen und verkündete das Ende der Apartheid. Vor dem Eingang saß eine Schäferhündin, deren Begleiter etwas abseits standen. Hajo fragte höflich nach, weil ihm die Hündin aufgefallen war. Er erzählte mir, dass die Gruppe bei jeder Veranstaltung rund um das Gebäude für Ordnung sorgen und die Sicherheit garantieren. Sie gehörten zum Deutschen Schäferhundeverband.

Stufen aus alten holländischen Backsteinen führten uns ins Erdgeschoss. Der Boden ist mit kleinformatigen Mosaikornamenten ausgelegt und das ganze Gebäude strahlt ein erhabenes Alter aus. Im ersten Stock tagten bis 1761 die drei Bürgerratsherren. Sie waren Mitglieder des Justizrates und verantwortlich für das Gesundheitswesen und die Straßen. Während der Ersten Britischen Besetzung wurden die Bürgerratsherren durch den Bürger Senat ersetzt, der im Jahr 1828 aufgelöst wurde. Bis 1839, als Kapstadt offiziell zu einer Stadt erklärt wurde, diente das Gebäude als Gerichtshof und Polizeihauptquartier. Zu diesem Zeitpunkt erhielt das Gebäude den Namen Townhouse – Rathaus. Als solches bestand es bis 1905, als das neu errichtete Rathaus am Paradeplatz das Verwaltungsgebäude der Stadt wurde.

 

Deutlich wurde das Alter des Gebäudes auch im Innenbereich. Hohe, dunkle Holztüren trennen den Innenraum vom Flur. Im Saal sind Stuhlreihen angebracht, die auch schon bessere Zeiten gesehen haben. Zumindest brauchen wir nicht stehen und durch die erhöhte Bühne können wir alles gut sehen. Wir haben darauf verzichtet, 20 Rand für ein Programmheft auszugeben. Das hätten wir besser getan, denn dann wären wir nicht so überrascht gewesen. Doch zunächst nahmen unter einer riesigen Orgel die Mitglieder des Philharmonischen Chores Kapstadt auf gepolsterten Sitzbänken Platz. Links und rechts setzten sich Jungen in Schuluniform hin, die uns am Eingang schon aufgefallen waren. Pünktlich um 19.30 Uhr betraten zwei Männer und zwei Frauen die Bühne und der erste Beifall erklang. Aus Höflichkeit klatschte ich mit. Die beiden Männer und die Frauen nahmen an je einem Flügel Platz und schon begann das Spiel. Ohne Ansage. Sie ließen die Finger über die Tasten fliegen, je ein Mann und eine Frau blätterten die Noten weiter und ohne Pause hasteten die Spieler von einem Musikstück zum nächsten. Das machten sie mit Bravour, doch plötzlich stutzte ich, glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Das war doch …, oder täuschte ich mich? Nein! Die beiden spielten doch tatsächlich ein Stück aus „Porgy und Bess“, dann folgte ein Stück aus „Ein Amerikaner in Paris“ und „New York, New York“. Das hatte ja nun nichts mit Carmina Burana zu tun. Hajo grinste, und wir beide hatten das Gefühl, wohl in der falschen Veranstaltung zu sitzen. Auch Brian verstand nicht mehr, was da auf der Bühne los war und die anderen unserer kleinen Gruppe blickten ebenso verständnislos. Vielleicht hätten wir doch in ein Programm investieren sollen. Eine Stunde wurden wir mit den unterschiedlichsten Musikstücken, von Mozart über Wagner, es folgten Rachmaninow und Brahms. Soviel ist mir von dem Programm in Erinnerung geblieben, das Brians Deutschlehrerin in der Pause kaufte.

Ich schlenderte während der Pause lieber durch das Gebäude und entdeckte in unmittelbarer Nähe zur Eingangshalle einen kleinen Saal, dessen Wände mit unterschiedlichen Gemälden bestückt waren. Nur an einigen wenigen waren Schilder und ich sah mich konfrontiert mit den Bürgermeistern von Kapstadt aus den letzten Jahrhunderten.

Später erfuhr ich, dass ein bekannter Mäzen und Financier, Sir Max Michaelis, im Jahr 1914 insgesamt 64 Gemälde gestiftet hat, die den Kernpunkt einer heute über 200 Gemälde zählenden Sammlung alter holländischer und flämischer Meister bilden.

 

Endlich, nach der Pause, konnten wir Carmina Burana lauschen, diesem Wechsel aus Chorgesang und Musik. Nun konnten auch die Sänger, die während des Klavierkonzertes teils unruhig auf ihren Plätzen rutschten, ergänzt von gähnenden und sich langweilenden Jungen, endlich zeigen, was in ihnen steckt. Mir hat die Aufführung dennoch gefallen, wenn die Darbietung auch vielleicht nicht zur Weltklasse gezählt werden kann. Dennoch habe ich es genossen und der Abend nahm ein entspanntes Ende.

 

© Evelyn Barenbrügge