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Von Federboa bis Staubwedel

Ein Besuch bei den Straußen

 

Es hat gefehlt: das Rappeln, Quietschen und Schaukeln des Zuges. Und, der Kaffee am Bett. Dafür klingelt zum Wecken das Telefon, ein kleines Stück Zivilisation am frühen Morgen. Nach dem Frühstück startet der Bus mit einem neuen Ziel, der Straußenzucht und -federstadt Oudtshoorn.

Über George fahren wir in die Richtung der Kleinen Karoo. Die ersten Kehren der wunderbar ausgebauten Passstraße sind genommen, als der Motor unseres Busses zu stottern beginnt. Na, prima, so eine Panne mitten auf der Passstraße ist wohl etwas Besonderes. Wir halten direkt am Straßenrand an. Es ist nicht viel Verkehr, aber die südafrikanische Sonne meint es heute morgen besonders gut. Alle zur Fahrbahnseite liegenden Fenster werden abgedunkelt, damit sich der Bus nicht so aufheizt. Zum Glück gibt es genug kalte Getränke an Bord und unsere Reiseleiter sind um unser Wohlergehen besonders bemüht. Und jeder entwickelt andere Fähigkeiten.

Andreas und der Busfahrer stecken ihre Köpfe in den Motorraum, was zwar den Motor nicht in Schwung bringt, aber schon mal professionell aussieht. An einem Ohr das Handy, um von der Werkstatt über Ferndiagnose die Anweisungen zur Motorreparatur entgegenzunehmen.

Klaus erklärt allen die es hören wollen die Flora und Fauna der Outeniquaberge und kennt auch die kleinste Blattlaus.

Verena macht es schon spannender und erzählt uns von den ersten Siedlern, den Vortrekkern, wie sie mit ihren Ochsenkarren über den Montagupass gefahren sind. Na, das ist doch schon was ganz anderes. Die Vortrekker hatten noch Mut, verließen das bequeme flache Kapland und quälten sich über die Berge. Und das, ohne zu wissen, was dahinter liegt. So hat es auch James A. Michener in seinem Buch „Verheißene Erde“ geschrieben. Das habe ich vor der Reise gelesen. Aber, jetzt hier zu stehen und dieses Bild lebendig werden zu lassen, ist schon etwas anderes. Im Stillen ziehe ich meinen Hut vor diesen Menschen. Die jetzige Passstraße, die etwas entfernt von der gut ausgebauten Straße liegt die wir benutzen, lässt zumindest die Schwierigkeiten erahnen. Was muss in den Menschen vorgegangen sein, als sie nach vielen Mühen den Bergkamm erreicht hatten, nur um festzustellen, das sie an der anderen Seite nur herunter kommen, wenn sie ihren Ochsenkarren auseinanderbauen und alles einzeln ins Tal schleppen. Bei soviel Nostalgie vergeht die Zeit wie im Flug und plötzlich hält neben uns ein neuer Bus.

Wir sind im Urlaub, aber wir haben einen Termin. Pünktlich müssen wir bei den Cango Caves sein, denn wir haben dort eine deutschsprachige Führung. Unser südafrikanischer Fahrer legt ohne Rücksicht auf den Bus, der über die Schotterpiste holpert, in einer halsbrecherischen Fahrt eine Rekordleistung hin. Ob es dem Bus geschadet hat, weiß ich nicht, wir sind alle ordentlich durchgerüttelt, aber pünktlich an der Tropfsteinhöhle, haben sogar noch Zeit für einen kleinen Imbiss.

Die Cango Caves wurden im Jahr 1780 entdeckt und gehören zu den größten Naturwundern der Erde. Die Buschmänner kannten bereits das Höhlensystem, hatten aber Angst vor der Dunkelheit, sodass sie die Höhlen nie betraten. Der Schaffarmer Jacobus van Zyl entdeckte die Höhlen, als er einem Schaf in einen Felsspalt folgte. Er ließ sich an einem Seil in die Höhle hinunter und konnte im Schein seiner Fackel nur in etwa die gigantischen Ausmaße der Höhle erahnen. Er entdeckte eines der ältesten Naturwunder Südafrikas, eine wunderschöne unterirdische Schatzkammer – glitzerndes, kristallartiges Gestein und überwältigend schöne Tropfsteingebilde.

Wir werden auf unserem Rundgang von einer jungen Südafrikanerin begleitet, die uns eindrucksvoll die Mystik der Höhle näher bringt. Sie regt unsere Fantasie mit Geschichten und Figuren an, die wir mit ihrer Hilfe in den Steinformationen entdecken können. Am Ende dieser beeindruckenden Tour macht sie in der kleinen Höhle das Licht aus und es wird stockdunkel. Dann ertönen afrikanische Trommelklänge und die mystische Stimmung wird noch einmal vertieft. Der letzte Ton verklingt und das Licht geht wieder an. Vor uns ist ein natürliches Gebilde aus Sintergestein, das aussieht wie eine römische Toga, die ganz viele Falten wirft. Mit der Faust werden die unterschiedlichen Trommeltöne auf dem Sintergestein erzeugt. Durch die unterschiedlich dicken Falten gibt es die verschiedenen Töne. Über dunkle Gänge und steile Treppen gelangen wir wieder in der Haupthöhle. Mit einer Länge von einhundertfünfzig Metern, einer Breite von fünfzig Metern und einer Höhe von bis zu zwanzig Meter hat diese Höhle sehr große Ausmaße. Wieder wird die Beleuchtung ausgeschaltet und erst, nachdem wir uns an die Dunkelheit gewöhnt haben, bemerken wir die kleine Glühbirne. So muss es dem Entdecker der Höhle gegangen sein, als er mit seiner Fackel in den Hohlraum geleuchtet hat. Noch einmal wird das Licht ausgeschaltet. Sekunden später hören wir eine fast überirdisch schöne Stimme erklingen, die mir Schauer über den Rücken jagt. Durch die Größe des Raumes fühlt es sich an als würde ich in einer Kathedrale stehen. Ich bedanke mich bei unserer Führerin für diesen wunderbaren Gesang. Sie sagt, dass sie nur im Dunkeln so gut singen kann. Verena erklärt später, dass es den Menschen durch die Apartheid an Selbstvertrauen mangelt.

 Wir verlassen die Höhlen und können mit unserem Bus, der in der Zwischenzeit eingetroffen ist, weiter fahren. Einen kurzen Abstecher machen wir zu einer Cheetah-Farm. Hier werden in weltweiten Zuchtprogrammen und Kooperationen die Bestände an Raubkatzen aufgebaut und gesichert. Wir können die possierlichen Kätzchen aus gesicherter Höhe beobachten. Die einzelnen Gehege sind über Laufstege, die ein paar Meter über dem Boden angebracht sind, verbunden. Für einen kleinen Obulus von 50 Rand können ganz Mutige in einem Gehege einen Gepard streicheln. So mutig bin ich aber nicht. Ich sehe mir die Raubkatzen dann doch lieber durch den Sucher meiner Kamera an.

Nach einer kurzen Fahrt erreichen wir die Hochburg der Straußenzucht, die Stadt Oudtshoorn, gleichzeitig die größte Stadt in der Kleinen Karoo. 1880 begann der Aufschwung der Stadt, als die Damen von Welt ihre Liebe zu ungewöhnlichen Accessoires entdeckten: Federboas, bunt eingefärbte Straußenfedern, schmückten Tänzerinnen in Paris und die gnädigen Damen der ganzen Welt. Die hochherrschaftlichen Paläste der Straußenbarone prägen noch immer das Stadtbild. 750 000 Strauße wurden rund um Oudtshoorn vor dem 1. Weltkrieg gezählt. Die goldenen zwanziger Jahre waren vorbei, die Mode änderte sich und aus den vielgerühmten Federn wurden Staubwedel. Nach Europa werden heute nur noch das Leder und das Fleisch exportiert.

Unser Ziel ist eine Straußenfarm am Rande der Stadt. Hier nimmt uns der Besitzer zu einer Besichtigungstour mit. Aus nächster Nähe sehen wir die Brutschränke und erfahren, dass ein Straußenei der Menge von vierundzwanzig Hühnereiern entspricht und es eineinhalb Stunden kochen muss, bis es hart ist. Viele Erklärungen bekommen wir zur Zucht der Strauße, die wir uns anschließend aus nächster Nähe ansehen können. Neugierig und verfressen sind die Tiere und sie „fliegen“ auf alles, was blinkt. Nur durch eine blitzschnelle Reaktion kann ich mein Kameraobjektiv retten. Weil das Gehäuse so glatt ist, rutscht der Schnabel daran ab.

Zum Sonnenuntergang probieren wir die herrlichen Karooweine und genießen den fruchtigen Geschmack in einem Amphitheater, in dem die Farmarbeiter uns mit Liedern und Tänzen die Geschichte der Straußenbarone erzählen. Das ist sehr beeindruckend, denn die jungen Frauen und Männer haben fantastische Stimmen. Sie haben die Musik und die Choreografie selber übernommen. Die Auswirkung der Apartheid zeigt sich bei den älteren Farmarbeitern. Sobald ein Lied oder ein Tanz zu Ende geht, bei dem sie stolz nach oben und nach vorn gesehen haben, senken sie wieder die Köpfe. Dieses Verhalten erzeugt bei mir Beklommenheit.

Unser Abendessen besteht natürlich aus Farmprodukten. Zu einem sehr schmackhaften Rührei werden uns Straußensteaks serviert. Das Straußenfleisch zeichnet sich durch seinen Geschmack aus, ist sehr fettarm und hat einen niedrigen Cholesteringehalt. Am späten Abend erreichen wir nach einem ereignisreichen Tag wieder unseren Zug, der in der Nacht in Richtung Kapstadt fährt.

© Evelyn Barenbrügge