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Gemüsegarten und Brutkasten


Glatt und ruhig liegt der Atlantik vor uns und die Fahrt auf dem Katamaran macht in der strahlenden Sonne richtig Spaß. Die neue Perspektive ist überwältigend. Zum ersten Mal erlebe ich Kapstadt vom Wasser aus. Wir sind auf dem Weg nach Robben Island, dieser geschichtsträchtigen Insel, die so einen friedlichen Anfang nahm.

Als Jan van Riebeeck 1652 begann am Kap eine Siedlung aufzubauen, um die Seefahrer der ostindischen Handelskompanie mit frischem Wasser und vor allem Obst und Gemüse zu versorgen, legte er nicht nur einen Gemüsegarten im heutigen Stadtteil Gardens an. Die nahe der Küste gelegene Insel nördlich der Stadt wurde zur Fleischreserve der Kapbewohner, indem Gouverneur van Riebeeck dort Kaninchen aussetzte. Da es keine natürlichen Feinde dieser Nager gab, mehrten sich diese stetig. Außerdem wurde die Insel zu der Zeit schon als Gefängnis genutzt. Die Sträflinge, die zum Teil von den indonesischen Inseln kamen, mussten Muscheln sammeln und in den Steinbrüchen arbeiten. Die Muscheln wurden zu Kalk verarbeitet und für den Bau des Castle in der Stadt verwandt.

1658 verbannte Jan van Riebeeck seinen Buschmann-Dolmetscher Authumao während des Krieges zwischen den Holländern und den Khoi nach Robben-Island. Ihm soll trotz der tückischen Strömungen die Flucht mit einem Ruderboot zum Festland gelungen sein. Makanna, Anführer der Xhosa-Truppen, der im vierten Grenzkrieg gegen die Engländer 10 000 Mann gegen Grahamstown führte, wurde auf Robben-Island verbannt und ertrank bei einem Fluchtversuch.

Unser Ausflugsboot erreicht den kleinen Hafen Murray´s Bay, der 1806 zu einer Walfangstation ausgebaut wurde. 14 Jahre später wurde der Walfang wieder gestoppt, weil die unbewachten Schiffe eine zu große Versuchung für die Sträflinge darstellten. 1843 wurden die Häftlinge abgezogen und Leprakranke sowie geistig Behinderte wurden auf die Insel gebracht. Ein makabres Andenken an diese Zeit sind die Ketten im Keller des Insel-Clubhauses, die dazu dienten, die ‚Wahnsinnigen` ruhig zu stellen. Viele Schiffe liefen, schon in Sichtweite der rettenden Tafelbucht, an der Inselküste auf. Zwei der jüngeren Wracks sind heute noch zu sehen. Wir verlassen das Boot und steuern direkt auf einen Bus zu, der uns über die Insel fahren wird, die 574 Hektar groß ist.

Traurige Berühmtheit erlangte die Insel mit ihrem wohl bedeutendsten Gefangenen, Nelson Rolihlahla Mandela, der heute von den Südafrikanern liebevoll Madiba genannt wird und in ein paar Tagen seinen 89. Geburtstag feiert. 27 Jahre seines Lebens verbrachte der erste Präsident Südafrikas auf der Gefängnisinsel. Einen kleinen Eindruck können wir hier nur mitnehmen. Alles ist grau, die Wände, der Boden, die Fenster und Türen, ja sogar die Gitter vor den Fenstern.

Die Zellentrakte lösen Beklemmungen aus, und wenn wir uns dieses mit Klebeband markierte Geviert ansehen, das für eine Einzelzelle steht, dann ist es umso bewundernswerter, wie er dieses Dasein aushalten konnte. Bewacht von Wärtern mit Killerhunden, die gemeinsam mit ihren Familien auf der Insel wohnten. Tagtäglich musste er seine Arbeit im Kalksteinbruch, dem härtesten Arbeitsplatz, verrichten und büßte dabei einen großen Teil seines Augenlichtes ein. Wie ein Backofen wird der Kalksteinbruch aufgeheizt, werfen die hellen Wände das gleißende Sonnenlicht zurück. Dort hineinzufahren und im klimatisierten Bus zu sitzen löst eine Gänsehaut aus. Es ist Winter und etwa 24 Grad draußen. Das ist wahrscheinlich ganz gut auszuhalten, aber wie ist es im Sommer, wenn die Temperaturen 30 bis 40 Grad erreichen? Am Rande gibt es dann noch diese Höhle, in der kein Mann stehen kann und die den Gefangenen als Toilette dient und in der Mittagsglut die einzige schattige Stelle ist, an der sie ihr Essen einnehmen können. Ziemlich unwürdige Zustände. Am Rand des Steinbruchs gibt es eine Steinpyramide. Hier trafen sich 1996 die ehemaligen politischen Gefangenen und jetzigen Führer der Insel. Jeder hob einen Stein auf und legte diesen vor dem Kalksteinbruch ab.

1996 wurde die Gefängnisinsel endgültig geschlossen und die letzten 300 Gefangenen verließen das Eiland, das mittlerweile zum National Monument erklärt worden ist. Neben vielen wilden Tieren, wie Hirsche, Elenantilopen, Spring-, Stein- und Buntböcke, kehren auch immer mehr Seehunde hierher zurück, die Pinguin-Bevölkerung nimmt weiter zu, und die Möwen-Brutkolonie ist die größte der südlichen Hemisphäre. Ein natürlicher Lebensraum für Vögel und Pflanzen. Die Führung über die Insel, zu den Steinbrüchen und Zellentrakten wird von ehemaligen Gefangenen gemacht. Sie können alles sehr lebendig und authentisch schildern. So auch die unterschiedliche Behandlung der Gefangenen. Asiaten und Farbige erhielten grundsätzlich besseres Essen, mehr Zucker, Fett, Brot, als die Schwarzen.

28,35 g entsprechen einer Unze. Für Asiaten und Farbige gab es 4 Unzen Brot zum Mittagessen und 4 Unzen zum Abendessen. 1 Unze Fett pro Tag und Person, dazu Mais und Reis. Es gab 6 Unzen Fleisch, 1 Unze Marmelade pro Person und Tag, 2 Unzen Zucker, ½ Unze Kaffee zum Frühstück und Abendessen. Für die Schwarzen gab es jeweils zum Frühstück und zum Abendessen 6 Unzen Maismehl, ½ Unze Fett pro Tag und Person, Mais, 5 Unzen Fleisch, keine Marmelade, 1 ½ Unzen Zucker und ½ Unze Kaffee.

Alles war genau eingeteilt, nur selten durfte Besuch empfangen werden, je nach Haftungsgrund. Es durfte nur Englisch oder Afrikaans gesprochen werden. Eine andere Sprache war bei Besuchen nicht erlaubt. Viele der Gefangenen waren politische Gefangene, die sich gegen die Apartheid aufgelehnt hatten. Ken, unser Tourgide, entlässt uns dann mit den Worten: „Für alle, die nicht aus Südafrika sind: Erzählt von unserem Land, berichtet über das, was ihr gesehen und gehört habt, damit noch mehr Besucher kommen. Für alle Südafrikaner: Geht nach Hause und lebt in Frieden mit euch und den Menschen in diesem Land.“

Zum Abschluss können wir noch in den Museumsshop gehen, in dem es unter anderem Bücher ehemaliger Gefangener gibt. Auffallend ruhig ist es auf der Rückfahrt auf dem Boot. Die Unbekümmertheit und Geschwätzigkeit, die auf der Hinfahrt vorherrschte, ist verschwunden. Ob es lange anhält?

© Evelyn Barenbrügge