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Universitätsstadt mit Historie

Stellenbosch – zweitälteste Stadt Südafrikas

 

Jetzt war ich schon so viele Tage in Südafrika unterwegs und hatte die Ruhe genossen. Doch ein Tag in einem Kapstädter Hotel zeigte mir, dass es nicht immer so ist. Der Weckruf hatte an diesem Morgen nicht funktioniert. Es war aber auch nicht nötig, denn Punkt 6 Uhr setzte ein Palaver auf dem Flur ein, der der Geräuschkulisse einer tobenden Elefantenherde glich. Die hatte ich zwar bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen, aber so stellte ich es mir vor. Zumindest reichte der Lärm, dass ich mich aus dem Bett quälte, und versuchte unter der Dusche die restliche Müdigkeit aus den Augen und meinen Knochen zu spülen. Um kurz vor Sieben begleitete mich ein Telefonkonzert auf dem Weg zum Aufzug. Aus allen Zimmern, an denen ich vorbeikam, schrillte es lang gezogen und nervtötend. Es hatte den Anschein, als sei das Capetonian-Hotel restlos ausgebucht. Die Bestätigung bekam ich kurze Zeit später. In der Hotelhalle stapelten sich die Gepäckstücke und im Frühstücksraum gab es keinen freien Platz. Alle japanischen Hotelgäste frühstückten wie auf Kommando zur gleichen Zeit. Wie ein Schwarm Heuschrecken fielen sie über das Buffet her und ließen kaum etwas übrig. Die Köche konnten ihren Nachschub gar nicht so schnell auf den Platten anrichten, wie diese wieder geräumt wurden. Dieses Bild am frühen Morgen war unglaublich faszinierend. Dazu die Geräuschkulisse. Die für uns Europäer ungewohnten Sprachfetzen. Zehn Minuten später war alles vorbei. Im großen Schwarm verließen die Japaner den Frühstücksraum und ein Aufatmen ging durch die Angestellten. Die verzerrten Gesichter entspannten sich und mit großer, aber ruhiger, Schnelligkeit wurde das Chaos beseitigt. Als nach und nach meine Reisegefährten eintrafen, freuten diese sich über den ordentlichen Raum und das wohlsortierte Buffet. Sie hatten von der Hektik am Morgen kaum etwas mitbekommen.

 Ich konnte die Ruhe wieder genießen, die sich über dem großen Raum ausbreitete. Nach dem Frühstück teilte sich unsere Gruppe zu den unterschiedlichsten Tagesausflügen. Einige wollten sich in der Stadt und an der Waterfront umsehen. Eine Gruppe fuhr nach Khayelitsha einen Kindergarten besichtigen und ich schloss mich der dritten Gruppe an. Unser Ziel hieß Stellenbosch, die zweitälteste Stadt Südafrikas, mit einer Fahrt in das Weinland. Wir waren nur eine Hand voll Leute, sodass wir mit einem Minibus die Reise antraten. Über die Autobahn fuhren wir aus Kapstadt hinaus. Vor uns lagen die Hottentots-Holland-Mountains, rechts und links war die Straße von den Townships gesäumt. Je weiter wir die Stadt hinter uns ließen, desto erbärmlicher wurden die Behausungen. Bis zuletzt die Hütten nur noch aus Kistenbrettern und Pappkarton bestanden. Ein trauriges Bild. Aber, so wurde uns erklärt, die Regierung kommt mit dem Neubau der Häuser dem Andrang der Zuwanderer nicht hinterher. Ein Bild, das sich wohl nicht so schnell ändern lässt. Es hinterließ ein bedrückendes Gefühl in mir, diese ärmlichen Hütten anzusehen. Ich gebe zu, dies war auch der Grund, weshalb ich mich nicht für die Fahrt in die Townships entschieden habe. Ich wollte diese Ärmlichkeit nicht auch noch vorgeführt bekommen, glotzend am Straßenrand stehen. Nicht zu diesem Zeitpunkt. Ich wusste auch zu wenig über das Leben dieser Menschen. War noch nicht bereit, mich damit auseinanderzusetzen.

Wir ließen die Townships hinter uns und die Landschaft veränderte sich. Nach einer knappen Stunde verließen wir die Autobahn und fuhren auf einer von Weinfeldern gesäumten Straße nach Stellenbosch. Diese Stadt wurde 1679 gegründet, als der Kap-Gouverneur Simon van Stel nach Südafrika kam und etwa fünfzig Kilometer von Kapstadt entfernt das Tal des Eersterivier (erster Fluss) erblickte und beschloss, diesen Ort zu einer permanenten Siedlung auszubauen. Er gab der Stadt seinen Namen: Stel-en-bosch. Sechs Jahre später wurden Kirche und Gerichtsgebäude gebaut und die kleine Siedlung bekam eine eigene Verwaltung. Die schönste Architektur entstand in den Jahren 1775 bis 1820 durch die Siedler, die auch die heute mächtigen Eichenbäume pflanzten, ohne die ein Rundgang durch die Stadt im Sommer zu einem schweißtreibenden Unternehmen würde. Die Architektur ist ein gelungenes Zusammenspiel zwischen Kap-holländischem und englischem Stil. Einträchtig stehen die Gebäude nebeneinander, andere zeigen von beiden Stilen etwas. Dies meistens in den zweigeschossigen Häusern mit ihren Rieddächern und den schmiedeeisernen Balkongittern. Dagegen verblassen die einfachen, eingeschossigen Kap-Häuser. Einen beeindruckenden Komplex bildet die Rheinische Mission, die als das gelungenste Renovierungsprojekt in Südafrika zählt. Heute befinden sich in den meisten Gebäuden unterschiedliche Museen. Zum 200-jährigen Jubiläum der Stadt wurde das Stellenbosch College gebaut. Heute ist Stellenbosch eine Universitätsstadt mit 12 000 Studenten. Während des Semesters sind in der Mittagszeit in der Stadt besonders viele junge Menschen unterwegs.

Von allen alten, historischen und liebevoll restaurierten Gebäuden hat eines einen ganz besonderen Charme: Oom Samie se Winkel – Onkel Sammys Geschäft. Dieser 1904 eröffnete viktorianische Krämerladen hat sich trotz zahlreicher Supermärkte bis heute gehalten. Beim Betreten des Geschäftes werde ich in eine andere Zeit geschleudert. Hier gibt es alles. Von alten Schreibmaschinen bis zu einzelnen Teilen zu altem Silberbesteck, Porzellanteller der unterschiedlichsten Epochen, die aber niemals ein vollständiges Service ergeben, Gewürze, Stoffe, Kleider und alles was wir als Trödel bezeichnen würden. Alte vergilbte Bücher, in ebenso alter deutscher Schrift und als kurioseste Entdeckung Zulu-Unterhosen. Die muss sich allerdings jeder selber vor Ort ansehen, es ist unmöglich, sie zu beschreiben. Allerdings werden sie gerne als Souvenir mitgenommen.

Nach soviel alten Häusern und Kultur brauchten wir eine kleine Abwechslung und unser Weg führte uns zum Morgenhof, einem großen und sehr erfolgreichen Weingut. Es ist dennoch nur eines von vielen im Weinland. Zu schätzen gelernt habe ich die südafrikanischen Weine allerdings erst später. Hier im Morgenhof genoss ich nach der Führung den spritzigen Traubensaft, der leider nicht verkauft wurde. Für Weinkenner lohnt sich eine ausgiebige Reise durch die Weinanbaugebiete Südafrikas in jedem Fall. Wir machten uns auf den Rückweg und fuhren in Richtung Paarl, heute die zweitgrößte Stadt in der Kap-Provinz. Am Ortseingang ragt hoch oben am Berg das weiße Taal Monument in den blauen Himmel. Taal ist Afrikaans und bedeutet Sprache. Das Denkmal besteht aus drei miteinander verbundenen Säulen und einem spitzen, 57 Meter hohen Turm. Dieses Denkmal symbolisiert die einzige germanische Sprache, die in Afrika entstanden ist. Jedes der vier Elemente erinnert an eine Gruppe, die zur Entstehung der Sprache beigetragen hat: Khoisan und Xhosa für den afrikanischen Part, die Sklaven aus der malaiisch-indonesischen Inselwelt und – dargestellt durch die höchste Säule – die ersten europäischen Siedler. Das Denkmal wurde 1975 errichtet, 100 Jahre zuvor war die Bibel auf Afrikaans übersetzt worden. Eine Stunde später trafen wir an der Central Station in Kapstadt ein. Wir wurden zu unserer Überraschung von einer Tanzgruppe aus den Townships an unserem Sonderzug begrüßt. Sie führten Lieder und Tänze vor und begleiteten musikalisch unseren Abschied von der schönen Küstenstadt. Langsam setzt sich unser Zug in Bewegung und verlässt die Stadt am Atlantik. Noch lange begleitet uns der Tafelberg, der ausnahmsweise wolkenlos in der Sonne liegt.

 

Evelyn Barenbrügge