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Regen am Kap und Schnee im Zoo

Ankunft in Kapstadt

 

Erklären kann ich das nicht, absolut nicht. Ich sitze mit meinen Freunden im Artscape Opera House in Kapstadt und lasse mich mitreißen von den kraftvollen Stimmen der Ten Tenors. Welch ein Erlebnis. Und dann erklingen sie, die ersten, leisen Töne auf dem Klavier. Ich will es nicht glauben, kann es mir nicht vorstellen. Die erste Tonfolge ist noch nicht verklungen und meine Ungewissheit wird zur Wahrheit. Treibt mir eine Gänsehaut über den Rücken und Tränen in die Augen. Wie schon so oft kann ich nichts dagegen tun. Der Gefangenenchor aus Nabucco ist eine emotional entwaffnende Musik, die mich niemals kalt lässt. Aber, das ist es ja nicht allein. Ich meine, ich sitze nicht irgendwo, sondern in Südafrika, einem Land, mit dessen Geschichte ich mich nun seit vier Jahren beschäftige. Sicher nicht lange genug um die tatsächlichen Auswirkungen der Apartheid zu sehen und doch ist mein Wissen groß genug, um die Bedeutung dieser Musik in einer neuen, anderen Intensität zu spüren. So wie noch nie zuvor. Ich lausche diesen Klängen und dem Gesang und vergesse alles um mich herum. Diese Empfindungen klingen noch lange nach, werden nur für die Zeit des Konzertes in den Hintergrund gedrängt. Kommen am Ende wieder zum Vorschein. Ich bin froh, in diesem Land zu sein und ich habe wieder das Gefühl, nach Hause zu kommen. Vergessen habe ich, wann ich gekommen bin, es scheint, als sei ich seit Ewigkeiten hier. Hat das nur mit meinen Freunden zu tun? Oder steckt doch noch mehr dahinter. Sie machen es mir leicht, nehmen mich an und auf in einer Freundlichkeit, Herzlichkeit und Selbstverständlichkeit, die ich in Deutschland oft vermisse.

 

Zum fünften Mal bin ich nun hier und wieder hat sich einiges verändert. Der Flughafen ist eine Großbaustelle und ich habe Schwierigkeiten, mich dort zurechtzufinden. Ich weiß noch nicht, ob ich das alles so geregelt bekomme, wie es erforderlich ist. In den nächsten sechs Wochen werde ich mich um Haus und Hund kümmern, und sicher noch so manchen Flughafentransfer haben. Das Auto erscheint mir riesig und nur die Tatsache, dass Brian gerade mal einen Kopf größer ist als ich, macht es mir möglich, daran zu glauben, dass ich in der nächsten Woche mit diesem Auto durch Kapstadt fahren werde. Vielleicht ist es aber auch nur die Müdigkeit, die mich nach dem fast 12-stündigen Flug zu überwältigen droht. Meine letzte Bettersleep nahm ich gleich nach dem Abendessen, doch bereits um 3.30 Uhr bekamen wir Frühstück. Die Tablette ist noch nicht aus dem Körper heraus. Viel zu früh erreichten wir Kapstadt und mussten über Robben Island kreisen. Nur schade, dass es stockdunkel und außer vielen Laternen nichts zu sehen war. Reibungslos verliefen die Einreiseformalitäten und nur das Gepäck ließ etwas auf sich warten. Endlich nahm ich mit meinen beiden Koffern die letzte Hürde, gab mein Einreisevisum ab und ging ohne Probleme nach Südafrika. In der Eingangshalle standen trotz der frühen Stunde viele Leute, die Schilder vor den Bauch oder in die Höhe hielten. Darauf las ich Namen von Gästen oder Gästehäusern, Hotels oder Reiseveranstaltern. Gruppen sind scheinbar nicht so viele unterwegs, an Bord des Airbus 380-600 waren viele Südafrikaner, die nach Hause kommen.

 

Ich hätte Brian fast nicht erkannt, der mit Mütze und Schal auf mich zukam. Mir war es eher zu warm mit meiner Fleecejacke, unter der ich nur ein T-Shirt trug. Brian fror und sagte: „Es ist so kalt heute Morgen!“ Es tat so gut, ihn zu sehen und in die Arme zu schließen. Wir sahen uns im August das letzte Mal. Mit Mühe fanden wir das Auto auf dem Parkplatz wieder, der mit Bauzäunen abgesperrt ist. Wie Finger stehen in dichten Abständen Stahlbetonstützen, an deren Ende nur noch die Bewehrungsstäbe als dünne Linien in den grauen Morgenhimmel ragen. Ich kam nach Hause. Die Fahrt nach Milnerton zu Hajo´s Lodge ging schnell vorbei und im Dunkeln nahm ich noch keine Veränderungen wahr. Alex, der schwarze Labrador-Mischling schmiss mich fast um vor Freude und jaulte und stupste mich immer wieder mit seiner feuchten Nase an, wollte gestreichelt werden. Hajo schloss mich in die Arme, wir haben uns zwei Jahre nicht mehr gesehen.

Noch kann ich es nicht glauben, dass ich endlich wieder da bin. Wir setzen uns, trinken Tee und es kommt mir vor, als wäre ich nie weg gewesen. Gleich sind wir vertraut, gleich führen wir Gespräche, als hätten wir uns gestern zuletzt gesehen. Nichts Fremdes steht zwischen uns. Brian muss später noch nach Swellendam und ich lege mich hin, die Reste meine Bettersleep aus dem Körper zu verbannen.

 

Ich darf relaxen und ohne schlechtes Gewissen entspannen, was ich am Nachmittag bei strahlendem Sonnenschein im Garten mache, nachdem ich meine Koffer ausgepackt habe. Alex weicht mir nicht von der Seite und ich laufe mit ihm seine Runde. Dabei lerne ich David, den Nachbarn kennen. Auch dies total unkompliziert. Freundlich und vertrauensvoll, ich darf jederzeit kommen, lädt er mich ein und zeigt mir seine Hilfsbereitschaft. Meine Ohren sind noch nicht wieder auf die melodische Sprache eingestellt. Mein Kopf hat noch nicht auf Englisch umgeschaltet. Das wird sicher noch ein paar Tage dauern. David hat Geduld. Wie alle in Südafrika, die ich bisher kennengelernt habe. Brian kommt spät aus Swellendam zurück und wir bestellen uns ein Fertigmenü beim Chinesen. Kein Wunder, dass mir das nicht so gut bekommen ist. Wir hätten selber kochen sollen. Hajo muss auch am nächsten Morgen leiden und mir liegt das Schweinefleisch schwer im Magen. Unser Frühstück fällt daher etwas mager aus, der Appetit ist nicht groß. Gegen Mittag wird es dann endlich besser. Nachmittags will Brian am Strand joggen. Endlich. Wir fahren mit Alex an den Atlantik und natürlich nehme ich meine Kamera mit. Es sind mit dem Auto nur ein paar Minuten, aber für mich ist der Weg zum Laufen zu weit. Alex tobt sich aus, Brian läuft und ich genieße die Seeluft und die Sonne, die langsam im Westen untergeht. Ein traumhafter, wenn auch etwas diesiger Blick, ist wieder auf den Tafelberg möglich, der wolkenfrei die Metropole begrenzt. Die Hochhäuser von Kapstadt und die Hafenanlagen heben sich vor dem Bergmassiv ab. Leider können wir nicht abwarten, bis die Sonne untergeht, da wir noch einkaufen, kochen und essen müssen, um pünktlich im Artscape Opera House zu sein. Das Konzert mit den Ten Tenors war atemberaubend, fantastisch und sogar die ansonsten eher sturen, überwiegend weißen Kapstädter (Hajos Meinung), riss es von den Sitzen.

 

© Evelyn Barenbrügge